Die Gedenktafel


Seit dem 9. November 2008 ist eine Gedenktafel am Alten Rathaus in Einbeck für die verfolgten, vertriebenen, deportierten und ermordeten Einbecker Juden angebracht. Die Tafel wurde, ausgehend von einer privaten Initiative, von der Stadt Einbeck in Verbindung mit dem Förderverein Alte Synagoge realisiert und vollständig aus Bürgerspenden finanziert.

Auf der Tafel sind 68 Namen verzeichnet. Ein Faltblatt informiert genauer über die Schicksale der jüdischen Familien in Einbeck. Dieses Faltblatt senden wir Ihnen auf Anfrage gern zu.

 
 
Bertha Adler
*24.08.1894
Martha Giebe
*21.11.1883
Siegmund Schick
*08.02.1888
Edith Adler
*11.12.1928
Arthur Goldschmidt
*13.06.1902
Bernhard Schwarz
*12.02.1903
Kurt Adler
*01.03.1920
Julie Goldschmidt
*11.03.1876
Rosa Schwarz
Margot Adler
*05.06.1926
Walter Goldschmidt
*15.04.1901
Irene Sollinger
*02.01.1921
Rudolf Adler
*04.11.1888
Ida Havelburg
*29.09.1878
Julius Sollinger
*12.06.1888
Tamara Adler
*25.04.1922
Alfred Herzberg
*01.07.1880
Margot Sollinger
*17.06.1923
Bertha Archenhold
*11.09.1886
Edith Herzberg
*07.09.1912
Selma Sollinger
*02.03.1891
Elsa Archenhold
*08.07.1889
Sophie Herzberg
*26.04.1891
Henriette Steinberg
*29.07.1852
Alma Cahn
*12.02.1881
Klara Ikenberg
*12.07.1906
Rosa Steinberg
*20.01.1864
Martin Cohn
*17.07.1869
Ludwig Ikenberg
*11.09.1907
Fanny Stern
*28.05.1894
Ludwig Danzig
*27.11.1905
Adele Jordan
*03.02.1883
Julius Stern
*03.05.1886
Rosalie Fels
*14.06.1863
Adolf Jordan
*13.09.1881
Renate Stern
*22.04.1922
Sophie Fels
*09.09.1856
Anne-Liese Jordan
*04.09.1916
Bertha Strauß
*11.03.1868
Greta Meyer-Fels
*01.11.1880
Frieda Jordan
*03.08.1881
Hermann Strauß
*07.11.1860
Sophie Fels
*31.12.1858
Gerd Jordan
*10.07.1923
Erika Wehl
*24.01.1911
Thomas Meyer-Fels
*01.01.1915
Grete-Ursula Jordan
*19.09.1921
Helma Wehl
*27.11.1907
Gustav Franck
*26.03.1851
Manfred Jordan
*18.03.1886
Hermann Wehl
*28.08.1873
Jenny Franck
*01.01.1859
Otto Jordan
*17.04.1912
Johanne Wehl
*23.10.1869
Julius Franck
*15.06.1849
Alfred Kayser
*22.09.1907
Frieda Wertheim
*21.12.1878
Fritz Fuchs
*14.04.1925
Martha Kayser
*04.08.1880
Isidor Westenberg
*04.02.1875
Hertha Fuchs
*17.09.1920
Theodor Kayser
*08.06.1877
Selma Westenberg
*05.03.1874
Louis Fuchs
*29.02.1884
Jacob Rosenberg
*07.08.1895
Friederike Winter
*02.11.1878
Minna Fuchs
*12.02.1884
Selma Rosenberg
*27.04.1898
 
Gedenktafel 

Informationen zur Gedenktafel am Alten Rathaus

Liebe Bürgerinnen und Bürger! Liebe Gäste und Besucher!

Stellen Sie sich einmal vor, Sie finden eines Tages in Ihrem Briefkasten ein offizielles Schreiben Ihres Bürgermeisters, der gleichzeitig Leiter der Ortspolizeibehörde ist, in dem Sie aufgefordert werden, sich zu einem vorbestimmten Zeitpunkt für eine Reise bereit zu halten, die als "Evakuierungsmaßnahme" behördlich angeordnet wurde. Sie haben einen umfangreichen Fragebogen über Ihre Vermögensverhältnisse auszufüllen, Ihre Wertgegenstände wie Bargeld, Schmuck, Sparbücher, Wertpapiere usw. mit einer Aufstellung gesondert verpackt abzugeben, einen Koffer mit maximal 50 kg Handgepäck zu packen und für Transportverpflegung für 6 Tage zu sorgen. Sie dürfen am fraglichen Tag der Abreise Ihre Wohnung nicht verlassen und unter Androhung von "strengster Bestrafung" Ihr vorweg schon beschlagnahmtes Vermögen und sonstiges Eigentum weder verkaufen, verleihen noch verschenken. Falls Sie Brillenträger sind und Ihre Brille mitnehmen möchten, müssen Sie die Notwendigkeit von einem Augenarzt bestätigen lassen. Die Transportkosten sind von Ihren selbst aufzubringen. Als Grund und Ziel der Reise wird Ihnen "Ansiedlung im Osten" angegeben.
(nach einem Deportationsbefehl der Stadt Wunstorf vom März 1942.
Quelle: NLA – Hauptstaatsarchiv Hannover)

In dieser rechtlosen und gesellschaftlich isolierten Situation befanden sich ab Herbst 1941 die jüdischen Bürger von Einbeck und anderen deutschen Städten, wenn sie nicht vorher schon ihre Heimatstadt verlassen hatten und ins Ausland emigriert waren.

Bis Ende 1941 hatten 52 von insgesamt 68 Bürgern und Bürgerinnen jüdischen Glaubens, die in Einbeck gemeldet und wohnhaft waren, die Stadt bereits verlassen:

21 waren ins sichere Ausland emigriert: Greta und Thomas Meyer–Fels sowie Sophie Fels, Grete Jordan, Irene Sollinger, Julius, Fanny und Renate Stern, Martha und Alfred Kayser, Louis, Minna, Hertha und Fritz Fuchs sowie Louis' Schwiegereltern, Hermann und Bertha Strauß, Kurt und Tamara Adler, Erika Wehl sowie Alfred und Sophie Herzberg.

Weitere 22 Personen verzogen freiwillig oder gezwungenermaßen in andere Städte des Deutschen Reiches oder waren in später von den Nazis besetzte Länder emigriert und wurden von dort mit unbekanntem Schicksal deportiert oder kamen in verschiedenen Lagern um: Rudolf, Bertha, Margot und Edith Adler, Alma Cahn, Artur und Walter Goldschmidt, Ludwig und Klara Ikenberg, Frieda, Adele, Manfred und Gerd Jordan, Jakob und Selma Rosenberg, Margot Sollinger, Helma, Johanne und Herrmann Wehl, Frieda Wertheim und Selma Westenberg. Selma Sollinger überlebte die Deportation nach Riga und emigrierte 1946 in die USA.

Neun Personen – Ludwig Danzig, Jenny Franck, Ida Havelburg, Edith Herzberg, Otto und Anne-Liese Jordan, Siegmund Schick sowie Bernhard und Rosa Schwarz – waren mit unbekanntem Schicksal verzogen.

Zwei alteingesessene Einbecker – Theodor Kayser und Martin Cohn – wählten den Freitod, um weiterer Drangsalierung zu entgehen.

Sieben Personen waren gestorben – Sophie Fels, Julius und Gustav Franck, Julie Goldschmidt, Henriette Steinberg, Adolf Jordan sowie Isidor Westenberg.

1942 starb Rosa Steinberg nach einer Zwangsumsiedlung im jüdischen Altenheim in Hannover. Vier weitere Personen – Rosalie Fels aus demselben Altenheim sowie Bertha und Else Archenhold und Marta Giebe, die illegal in Einbeck lebte – wurden in Hannover bzw. Einbeck verhaftet, mit unbekanntem Schicksal deportiert oder kamen im KZ um.

Die letzte in Einbeck gemeldete und in "Mischehe" lebende Jüdin, Friederike Winter, nahm sich am 6. März 1944 mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben, nachdem ihr "arischer" Mann wenige Tage zuvor gestorben war.

Der damalige Einbecker Bürgermeister benachrichtigte daraufhin die zuständige Gestapo-Dienststelle Hildesheim: Einbeck war "judenfrei".

Als letzter von ehemals 68 der zwischen 1933 und 1944 in Einbeck ansässigen bzw. gemeldeten Juden starb Julius Sollinger am 25. Oktober 1944 im Außenlager Wille des KZ Buchenwald.


 

Die vom NS–Regime beschlossene und ab Herbst 1941 durchgeführte "Evakuierung (der deutschen Juden) in den Osten", endete entweder in den dafür eingerichteten Ghettos in Polen und anderen besetzten Ländern als "Übergangsmaßnahme" oder unmittelbar vor den Erschießungskommandos der Einsatzgruppen bzw. in den Konzentrations– und Vernichtungslagern und damit oft schon wenige Tage oder Wochen nach der Deportation tödlich.

Vorangegangen war ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verdrängungsprozess, an dessen Ende die Deportation der jüdischen Bevölkerung ohne Ansehen von Person, Stellung, Alter, Verdiensten usw. stand. Dies war ein bis ins Einzelne geplanter und durchgeführter Massenmord zur "[...] Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" (die so genannte "Endlösung der Judenfrage", d.h. der Völkermord an den Juden). Er wurde organisiert vom NS–Staat mit seinem Partei– und Behördenapparat (Bürokratie), der SA und SS, der Sicherheitspolizei (Gestapo und Kriminalpolizei), des Sicherheitsdienstes (SD), der Wehrmacht und anderen Organisationen mit der Unterstützung seiner untergeordneten Organe wie der Kreis– und Ortspolizei, den Landräten, Bürgermeistern (Stadtverwaltungen) und der Reichsbahn bis hin zu den zahlreichen Denunziationen aus der Bevölkerung.

Die einleitenden Maßnahmen zur "Vernichtung der europäischen Juden" während der Zeit des Nationalsozialismus 1933 – 1945 spielten sich öffentlich unter den Augen der Bürger ab. Sie wurden offen propagiert, und nicht nur Menschen jüdischen Glaubens waren von der Verfolgung betroffen. Auch Sinti und Roma ("Zigeuner"), Zeugen Jehovas ("Bibelforscher"), politische Gegner, Homosexuelle, vermeintliche Asoziale, Berufsverbrecher, Kranke bzw. Behinderte und andere Menschen wurden verfolgt und ermordet. Hilfeleistungen erhielten die verfolgten Juden von nichtjüdischen Bürgern nur in Einzelfällen, obgleich sie deutsche Staatsbürger waren und die meisten von ihnen seit Generationen in Deutschland lebten.

Wegen der Verantwortung für unsere eigene Geschichte sind wir aufgerufen, alles zu tun, damit sich solche Verbrechen, wie sie an den Juden und anderen Verfolgten während der Nazizeit verübt wurden, nicht wiederholen können. Die öffentliche Nennung ihrer Namen soll einen Teil ihrer Identität und ihrer menschlichen Würde wieder herstellen, um ihre unter dem NS-Regime erfolgte "Entpersonalisierung" aufzuheben und sie in die Gemeinschaft der Bürger zurückzuführen.

An die während der NS–Zeit verfolgten, vertriebenen, deportierten und ermordeten 68 jüdischen Bürger und Bürgerinnen von Einbeck erinnert eine Gedenk– und Namenstafel am Alten Rathaus der Stadt.